Lesestoff – Gironimo!

Ich muss heute unbedingt das Buch „Gironimo!“ von Tim Moore empfehlen, dass ich gerade ausgelesen habe. Der Autor war vom Giro d’Italia 1914, dem vielleicht grausamsten Radrennen der Geschichte und dessen Gewinner Alfonso Calzolari so beeindruckt, dass er die gesamte damalige Rennstrecke ebenfalls mit dem Rad zurücklegen möchte. Das ist sehr interessant, da Tim Moore eher untrainiert und nicht besonders sportlich ist. Bei seiner Fahrt versucht er dieselben Materialien zu verwenden, das damals verwendet wurden. Das führt dazu, dass er sich die rostigen Überreste eines Rennrads Baujahr 1914 zulegt und dieses ohne großartige Fachkenntnise selbst aufarbeitet. Das Rad hat Holzfelgen, Weinkorken als Bremsklötze und keine Gangschaltung. Er besorgt sich originalgetreue Bekleidung (gestrickt aus Merinowolle), uralte getragene Lederschuhe und eine Schweißerbrille mit blauen Gläsern.Das Buch beginnt etwas zurückhaltend. Tim Moore beschreibt zunächst sehr ausführlich, wie er sich die Einzelteile seines Rades besorgt und diese selbst aufarbeitet. Auch die Beschaffung der weiteren Ausrüstung nimmt breiten Raum ein. Dadurch ist das Buch zunächst etwas langatmig. Man sollte jedoch auf jeden Fall dranbleiben und sich davon nicht abschrecken lassen. Als Tim Moore dann in Mailand startet kommt man aus dem Lachen nicht mehr heraus und der Rest des Buchs entschädigt für den schwierigen Einstieg. Es bleibt bis zur letzten Seite spannend, lustig und auch nachdenklich. Die Tour von 3.162 km beginnt in Mailand und führt in den Süden Italiens, anschließend an der anderen Seite des Stiefels von Bari wieder nach Mailand zurück in den Norden.

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Giro Italia 1914-map“ von Cruccone – Own work, derived from Image:Satellite image of Italy in March 2003.jpg. Lizenziert unter CC BY 2.5 über Wikimedia Commons.

 

Die Beschreibung seiner Kämpfe mit den gnadenlosen Anstiegen, dem Wetter und den Autofahrern zwischen den Alpen und Apulien ist zum Schreien komisch und ist auch für Leser unterhaltsam, die sich eigentlich nicht für den Rennradsport interessieren. Dabei erlebt man mit, wie Tim Moore vom unsportlichen „Weichling“ während der 3.162 km der Strecke immer besser trainiert wird und immer längere Tagesetappen schafft. Sein trockener Humor bei der Beschreibung seiner Schwierigkeiten und der Begegnungen mit den Leuten ist lesenswert. Das Buch ist eine absolute Leseempfehlung.

Reinhold Messner und der Nanga Parbat

Seit langer Zeit wieder einmal Lesestoff. Diesmal geht es um zwei Bücher des wohl bekanntesten Extrembergsteigers – Reinhold Messner. Das erste Buch „Der nackte Berg, Nanga Parbat – Bruder, Tod und Einsamkeit“ beschreibt die Geschichte der gescheiterten und der geglückten Besteigungen des 8125 m hohen Bergs des Himalaja. Den größten Teil des Buchs nimmt natürlich die Expedition im Jahr 1970 ein. Hier beschreibt Reinhold Messner wie er zusammen mit seinem Bruder Günther erfolgreich den Nanga Parbat überschreitet und dieser dann höhenkrank wird. Reinhold Messner geht immer wieder voraus und versucht eine geeignete Abstiegsroute über die Diarmirflanke zu finden. Auf einmal kommt Günther nicht mehr nach. Er bleibt verschwunden und wurde durch den Abgang einer Eislawine verschüttet und getötet. Reinhold Messner versucht einen ganzen Tag lang seinen Bruder zu finden, muss dann jedoch weiter absteigen um sich selbst zu retten. Er schafft es tatsächlich sich (zuletzt nur noch kriechend) zu einigen Bergbewohnern durchzuschlagen. Nach mehreren Tagen, die er ohne Wasser und Nahrung und mit schweren Erfrierungen an Füßen und Händen übersteht, ist er tatsächlich gerettet. Die Überschreitung des Nanga Parbat, die ihm als Ersten gelungen ist, ist sein größter Triumph und gleichzeitig seine größte Niederlage, da er seinen Bruder verliert. Die Rettung begreift Reinhold Messner als Wiedergeburt und gibt in diesem Buch einen Einblick in seine Gedankenwelt während des Abstiegs und nach seiner Rettung. Er geht auch auf seine Kritiker und auf Anfeindungen ein. Das Buch ist sehr fesselnd geschrieben. Die Verzweiflung und die ausweglose Lage wird begreifbar. Nach der Lektüre dieses Buchs kann man Reinhold Messner auf jeden Fall besser verstehen.


Das zweite Buch ist „Die weiße Einsamkeit, Mein langer Weg zum Nanga Parbat“ und schließt thematisch an das zuerst vorgestellte Buch an. Er geht nocheinmal kurz auf die Expedition von 1970 und den Tod seines Bruders ein. Dann jedoch erzählt er, wie es ihm seit dieser Tragödie ergangen ist. Immer wieder zieht es ihn zum Nanga Parbat zurück. 1978 gelingt ihm dann die Besteigung im Alleingang. Er schreibt über seine Schuldgefühle, seine Einsamkeit und die Gedanken an seinen Bruder. Auch hier geht es wieder um die Vorwürfe, die ihm gemacht wurden. Er hätte aus egoistischen Motiven seinen Bruder für seinen Erfolg geopfert. Reinhold Messner erklärt sein Handeln und widerlegt diese Anschuldigungen. Dem Leser muss auf jeden Fall klar sein, dass bei diesen extremen Touren ein hohes Risiko besteht. Jedem der Beteiligten einer solchen Expedition muss klar sein, dass er auch umkommen kann. Irgendwelche rationalen Überlegungen, die man am Schreibtisch treffen würde, können nicht auf die Gegebenheiten vor Ort in der Todeszone über 7500 m übertragen werden. Vor allem, wenn man nicht selbst in einer solchen Situation war, sollte man mit einem vorschnellen Urteil vorsichtig sein. Auch dieses Buch ist sehr spannend und hilft dem Leser, Reinhold Messner noch besser zu verstehen.

Beide Bücher kann ich absolut empfehlen.

Nanga Parbat from air

Nanga Parbat mit Blick auf die Diamirflanke. (Guilhem Vellut – Creative Commons Lizenz)

Der Tag an dem die Wolke kam

Vor kurzem habe ich das Buch „Der Tag an dem die Wolke kam – Wie wir Tschernobyl überlebten“ fertiggelesen. Darin beschreibt Antje Heiliges, die das Reaktorunglück 1986 als Kind in Deutschland miterlebte. Dieses Ereignis mit seinen Auswirkungen auf Deutschland hat sie so beeinflusst, dass sie einmal die direkt in der Nähe des Kraftwerks gelegene Stadt Prypjat besuchen wollte. Während der Tour lernte sie eine Frau samt Tochter kennen. Daraus wurde eine Freundschaft, die sie veranlasste die Geschichte dieser Familie aufzuschreiben. Der Familienvater arbeitete im Kraftwerk und war anschließend bei den Liquidatoren. Das Buch ist ein sehr beeindruckendes Dokument über den Unfall und die Jahre danach, mit den Auswirkungen bis in die heutige Zeit. Das Buch hat mich sehr beeindruckt, da ich wohl in einem ähnlichen Alter wie die Autorin bin und die Katastrophe auch auf ähnliche Weise erlebt habe.

Als Kindle-Ausgabe ist das Buch sehr günstig zu bekommen. Ansonsten wohl leider nur noch als gebrauchte Ausgabe. Eine absolute Leseempfehlung.

Der Untergang der Titanic

Passend zum Buch von Linda Maria Koldau über den Untergang und die Legenden rund um die Titanic habe ich gerade dieses Buch fertiggelesen. Es handelt sich um das Buch von Nic Compton „Titanic on Trial: The Night the Titanic Sank, Told Through the Testimonies of Her Passengers and Crew“.


Darin sind die Aussagen der Überlebenden des Untergangs und von weiteren Zeugen erfasst, die in der offiziellen Untersuchung gemacht wurden. Es beginnt in chronologischer Reihenfolge mit der Überfahrt, der Kollision, dem Klarmachen der Rettungsboote und der Zeit auf See bis hin zur Rettung der Überlebenden.

Zum Abschluss finden sich die offiziellen Berichte der US- und der britischen Untersuchung. Hier findet man alles wieder, dass auch im Buch von Linda Maria Koldau angesprochen wird. Darüber hinaus aber noch viel mehr Informationen. Sie werden jedoch nicht eingeordnet, da es sich ja um die tatsächlichen Aussagen handelt. Also findet man an manchen Stellen auch sich wiedersprechende Informationen.

Trotzdem ist dieses Buch eine ideale Ergänzung, um sich umfassend über den Untergang der Titanic zu informieren.

Lesestoff: Der Schieber

Nach dem Roman „Der Trümmermörder“ hier der Nachfolger von Cay Rademacher. Das Buch „Der Schieber“ schließt zeitlich unmittelbar an den Trümmermörder an.

Nach dem eisigen Hungerwinter stöhnt Hamburg im Frühling des Jahres 1947 unter einer Hitzewelle. Oberinspektor Stave wird zur Leiche eines Jungen gerufen. Die Aufklärung des Mordes führt ihn zusammen mit Lieutenant MacDonald in die Welt der Schieber, Kohlenklauer und „Wolfskinder“- jener elternlosen Kinder, die aus den besetzten Ostgebieten nach geflohen sind. Plötzlich taucht auch noch sein aus russischer Kriegsgefangenschaft entlassener Sohn auf, was die Gefühlswelt von Stave nicht gerade einfacher macht. Beide müssen sich erst einander annähern.

Auch hier vermittelt Cay Rademacher wieder authentisch und plausibel die Welt der Menschen im Jahr 1947. Auch wenn sich einiges schon gebessert hat, ist das Leben der Menschen weiterhin von Hunger und Mangel geprägt. Auch hier werden die Verbrechen der NS-Zeit wieder thematisiert. Die Handlung ist sehr spannend und ich habe das Buch geradezu verschlungen. Man merkt, dass der Autor ein großes Wissen von der damaligen Zeit in Hamburg hat. Eine absolute Leseempfehlung.